Brennnesselsamen – Das Superfood vor unserer Haustür

Die Brennnessel wird von vielen als Unkraut abgetan. Primär fokussieren wir uns auf ihre brennende Eigenschaft, wenn sie mit unserer Haut in Kontakt kommt. Doch die Brennnessel und speziell ihre Samen hat viele tolle Eigenschaften. In diesem Ratgeber sprechen wir über die Wirkung, Inhaltsstoffe und Anwendungsgebiete der Brennnesselsamen.

Brennnesselsamen – Wozu sollen die gut sein?

Brennnesselsamen und auch Samen von Wildfrüchten generell waren früher ganz normaler Bestandteil der Ernährung. Die Menschen hatten kein „Superfood“, das von weit her importiert werden musste. Damals weniger aus ökologischen Gründen oder Gründen der Klimabilanz. Früher gab es solche Möglichkeiten für die Landbevölkerung schlichtweg nicht. Man hatte keinen Zugang zu exotischen Gewürzen oder Nahrungsmitteln und wenn es tatsächlich etwas gegeben hätte, konnte sich kaum jemand edle Gewürze oder Köstlichkeiten leisten.

Daher waren gerade die „einfach Leute“ darauf angewiesen, sich die Kraft der Pflanzen in ihrer Umgebung zunutze zu machen. Die Ernährungssituation war auch nicht so gut wie bei uns heute. Es gab ja noch keine Supermärkte und es stand nicht das ganze Jahr Obst und Gemüse im Überfluss zur Verfügung. Das Leben, gerade der Landbevölkerung, war hart und entbehrungsreich. Da war es umso wichtiger, auch im Winter vitaminreiche Kost zu haben, um gesund und kräftig zu bleiben.

Die Samen wurden sowohl von den Menschen verzehrt, als auch an die Tiere verfüttert. So wird überliefert, dass Pferden reichlich Brennnesselsamen verfüttert wurden. Besonders, wenn sie verkauft werden sollten, wurden Brennnesselsamen verwendet. Der hohe Anteil an Vitaminen und Mineralien soll Fell und Mähne gesund und glänzend gemacht haben.

So wurden im Spätsommer oder Herbst Samen gesammelt. Man wusste, dass es sich hier um echte Kraftpakete handelte und hatte Kenntnis über deren Wirkung. Auch wenn man es nicht direkt so benennen konnte und die Inhaltsstoffe natürlich auch nicht so bekannt und untersucht waren.

Aber warum nun unbedingt Brennnesselsamen ernten?

Als uralte Heilpflanze kann man die Brennnessel in allen Pflanzenteilen nutzen. Die Samen sind enorm reich an Vitaminen und Mineralstoffen. Nicht umsonst wurde die Brennnessel zur Heilpflanze des Jahres 2022 gewählt.

Das Tolle an unseren Wildkräutern ist ja auch, sie wachsen direkt vor unserer Haustür und sind völlig kostenlos. Das schont den Geldbeutel UND die Umwelt, wenn das „Superfood“ nicht um den halben Erdball transportiert werden muss.

Und es ist ganz einfach. Im Herbst geerntet und getrocknet, hat man schnell einen Vorrat für den Winter zusammen.

Welche Samen erntet man? Männliche oder weibliche?

Bei der Frage verdrehen Botaniker gerne mal die Augen. Ich finde aber, für Laien ist das gar nicht so einfach zu beantworten.

Vielleicht hilft es, wenn man weiß, dass das, was wir als Brennnesselsamen bezeichnen, EIGENTLICH die Früchte der Brennnessel sind. Also das, was die weibliche Brennnesselpflanze hervorbringt, wenn sie von den männlichen POLLEN bestäubt wurde. Die Bestäubung passiert übrigens über die Luft bzw. den Wind. Bestäubende Insekten benötigt die Brennnessel nicht.

Also werden die weiblichen „Samen“, besser gesagt, die Früchte geerntet.

Wie erkennt man nun die Früchte der Brennnessel und wann ist der richtige Erntezeitpunkt?

Zuerst einmal muss man wissen, dass es männliche und weibliche Brennnesselpflanzen gibt. Die Unterscheidung braucht ein bisschen Übung und am besten nimmt man sich im Sommer eine kleine Lupe mit. Das ist spannend, die feinen Unterschiede zu betrachten und macht in der Regel auch Kindern großen Spaß.

Im Sommer erkennt man die „Mädchen“ daran, dass sie eine Blüte haben, die ein wenig wie ein silbernes Krönchen aussieht. Die „Jungs“ sind prall, rund und einfach schön grün.

Dann aber kommt die Zeit, wenn die Pollensäcke der männlichen Pflanzen aufplatzen und die weiblichen Pflanzen bestäubt werden.

Links eine männliche Pflanze, bei der die Pollenbläschen entleert sind. Rechts sieht man eine weibliche Pflanze mit den Früchten.

Danach hängen die Rispen der männlichen Pflanzen schlapp und leer herunter. Wohingegen die weiblichen Rispen gefüllt und rund werden. Man erntet, wenn die Früchte noch grün und saftig sind. Dann haben sie die größte Kraft. Meist passiert dieser Wechsel von August bis September. Dann ist auch die beste Erntezeit.

Der Geschmack ist leicht nussig und frisch.

Wie erntet man Brennnesselsamen schmerzfrei?

Ehrlich gesagt, am besten mit Handschuhen. Ganz unerschrockene und unempfindliche Menschen können natürlich auch mit den bloßen Händen ernten.

Sicher kommt es auch darauf an, ob man nur ein paar einzelne Rispen unterwegs als kleinen Snack naschen möchte. Dann ist es durchaus möglich, ohne Handschuhe zu arbeiten. Vorsichtig, die einzelnen Rispen abgebrochen und sofort verzehrt, ist kein Problem. Die Samen bzw. Früchte brennen ja nicht. Die Brennhaare sind auf den Stängeln und Blättern der Pflanze angesiedelt.

Wenn aber der Wintervorrat gesammelt werden soll, empfiehlt es sich doch, Handschuhe zu tragen.

Die folgende Vorgehensweise hat sich bei mir bewährt.

Anleitung

Brennnesselsamen richtig ernten

Man schneidet die oberen 20-30 cm der Pflanze ab und legt sie in einen Korb, den man bestenfalls mit einem Tuch ausgelegt hat.
Zu Hause angekommen, werden die Blätter und Samenstände von der Pflanze abgestreift und auf einem Tuch ausgebreitet und  1-2 Tage getrocknet. Danach kann alles in ein grobes Sieb geschüttet werden. Die Brennnesselfrüchte fallen durch und können sie in einem dunklen Schraubglas aufbewahrt werden. Blätter und leere Rispen bleiben übrig und können als Teevorrat getrocknet werden.
Bei den Blättern ist es besonders wichtig, dass sie „knistertrocken“ sind, bevor man sie verpackt.

Und was jetzt tun mit dem Superfood aus der Natur?

Es gibt nun im ersten Schritt zwei Möglichkeiten, wenn die Samen getrocknet sind. Entweder man verwendet sie im Rohzustand oder man kann sie auch in der trockenen Pfanne anrösten.

Beide Varianten haben ihren Reiz und wenn man beides vorrätig hat, ist die geschmackliche Vielfalt in der Küche umso größer.

Brennnesselsamen sind sehr vielseitig verwendbar. Ob im Müsli, im Smoothie, als Topping für den Salat oder im Brot verbacken. Der kulinarischen Fantasie ist da keine Grenze gesetzt. Alternativ lassen sich die Samen auch einfach trocknen und in Form von Pulver unter die Mahlzeiten mischen.

Märchenhaftes!

In dem Märchen „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen, das es aber auch in verschiedenen anderen Variationen gibt. In dem Märchen werden Prinzen von einer bösen Hexe/Stiefmutter zu Schwänen (oder Raben) verwandelt. Die Schwester der Prinzen kann ihre Brüder von dem Zauber befreien, indem sie Brennnesseln sammelt und aus den Fasern Hemden herstellt. Zudem darf sie in der Zeit, in der sie an den Hemden arbeitet, nicht reden, lachen, singen. Wie stark kann Liebe sein?

So ranken sich um manches Kraut, manche Blume die wundersamsten Geschichten, die oft auch Pflanzenwissen geschickt verpackt vermitteln.

Viel Wissen über Kräuter und deren Anwendung in der Küche oder der grünen Hausapotheke gibt es auch in meinem Kräutermärchen „Magdalia und die Gnome“. Dort habe ich Pflanzenwissen, kindgerecht eingewoben in eine Geschichte über Freundschaft, Vertrauen, Umweltschutz und starke Kinder. Als besondere Zugabe finden sich im Anhang des Buches die Rezepte von Magdalia. So können sich die Lesenden sehr einfach selber von den Magdalias Kochkünsten überzeugen und das neu gewonnene Kräuterwissen leicht anwenden.

Mehr Infos zur Brennnessel gewünscht?

Meine liebe Kollegin Franziska Polterer aus Wien (Home – Engelsgarten) hat einen wunderbaren Blogartikel über die Brennnessel als Heilpflanze des Jahres 2022 verfasst. Schaut doch mal bei ihr im Blog vorbei.

Brennnessel – die Heilpflanze des Jahres 2022 – Engelsgarten

Habt Ihr Euren Wintervorrat an Brennnesselsamen gesammelt?

Wie verwendet Ihr auch andere Samen von heimischen Wildkräutern?

Sonja Bienemann - Autorin

Über Sonja Bienemann

Sonja Bienemann ist ausgebildete Kräuterpädagogin und Wechseljahreberaterin und verfügt über die Fortbildung „Grüne Hausapotheke“. Mit ihren Kräutermärchen und Geschichten möchte sie ihr Wissen an Kinder und Erwachsene weitergeben, um so den Blick für die Kräfte der Natur zu schärfen. Auch der Umweltschutz ist ihr ein großes Anliegen.

Schreibe einen Kommentar