Das wahre Selbst entdecken

Ich gehe der Frage nach dem „wahren Selbst“ liebevoll nach und beginne mit dem Wort wahr.

Was bedeutet es?

Wahrhaftig. Echt.

Im Gegensatz zu unecht. Vorgetäuscht. Angepasst.

Oft lese ich: „Befreie dich von deinem Ego.“

Und dann fallen mir die Schicksalsgesetze von Rüdiger Dahlke ein. Wenn du ein Extrem lebst, so holt dich das andere ein.

Menschen, die frei von Lüge sein wollen, belügen sich selbst mehr, als andere, die wissen, dass sie schwindeln und lügen. Und dazu stehen.

Der Politiker, der am lautesten schreit, dass nun alles anders wird, fällt am meisten ins Muster seiner Vorgänger. Und putzt sich ab, da er selbst ja sauber ist. Wahrhaftig. Ohne Fehler.

Um echt zu sein, darf man auch unecht sein dürfen

Paradox ist, dass ich, um echt zu sein, auch unecht sein darf. Ich darf mich verlieren, dies erkennen und mich wieder finden.

Das Leben ist ein Strom. Eine Spirale. Mit Wirbeln. Keine Gerade.

Wer immer nur die eigene Wahrheit im Kopf hat, wird blind für die Wahrheit der anderen. Das Entdecken des eigenen Selbst mündet nicht selten im Gegenteil. Im Ego-Trip. Verkopft. Was sich im Kopf spießt, ist mit dem Herzen begreifbar.

Ein paar einfache Wahrheiten gelten immer

Es gibt ein paar einfache Wahrheiten:

  • Meine Freiheit endet dort, wo deine beginnt.
  • Das Leben ist Geben und Nehmen. Festhalten und Loslassen. Wer immer nur loslässt, befindet sich ohne Erdung im freien Fall. Wer immer nur festhält, zementiert sich selbst ein und ist lebendig tot.
  • „Alles hat einen Anfang und ein Ende“, sagt Buddha. Und nach dem Ende kommt der Anfang.
  • Das Leben spielt sich inmitten der Pole ab.
  • Alles ist mit allem in Verbindung und ständig im Fluss.

Auch das Wahre Selbst. Mir fällt das Lied von STS „Großvater“ ein. „Du warst ka Übermensch, hast a nie so tan. Grad deswegen war da irgendwie a Kraft“. In dem Text steckt viel Weisheit, die aus dem Leben kommt. Aus der eigenen Erfahrung.

Wer Übermensch sein will, erschafft das andere. Untermenschen. Wer hingegen das Selbst und das Ego im Ich verbindet, ist sich selbst nahe. Menschlich. Mit Ecken und Kanten. Licht und Schatten.

Hermann Hesse beschreibt im Buch Siddharta, wie dieser jahrelang meditiert und dann begreift, dass seine geistigen Methoden leer sind. Ohne eigene Sinneserfahrungen. Dann lässt er sein „Erhaben sein“ los und geht unter die Menschen. Es erfährt sich selbst. Und nimmt Anteil am Leben der anderen. Fühlt mit. Packt an. Lauscht dem Fluss.

Entdecke dich selbst neu

Mir gefällt das Wort entdecken. Entdecke dich selbst. Wickle dich aus und zeige dich. Wickle dich ein und schütze dich. Wickle dich um und entdecke dich neu.

Zum Entwickeln gehört das Verwickeln dazu“, sagt Rüdiger Dahlke. Probiere dich aus. Jeden Tag.

Sei neugierig. Sei liebevoll mit deinen Fehlern. Sie helfen dir, zu erkennen, was fehlt.

Jeder Mensch trägt besondere Gaben in sich. Wo ist deine Liebe? Was hat dir als Kind Freude bereitet?

„Wo fühlst du dich lebendig?“, fragt die Sozial- und Lebensberaterin Julia Schweiger. Dort sind die Samen, die gesät werden wollen. Gehegt. Gepflegt. Geerntet und neu gesät. Entdecke dich selbst. Genieße dich. Beobachte dich. Sei lieb mit deinen Gefühlen. Nimm sie wahr. Körper, Geist und Seele helfen dir. Drücke deine Gefühle aus. Erfahre dich. Und die anderen. Lerne vom Anfang. Du bist nicht aus dir heraus entstanden. Sondern in Verbindung von Frau und Mann und ganz viel Wunder. Genieße mit all deinen Sinnen.

In der Verbindung sein

Verbinde Ich, Es, und Selbst. Dein Selbst ist kein starres Ding. Du bist sowohl Staub als auch Glitzer und vieles mehr. Dein Wesen ist im Wandel, wie du auch. Du bist sowohl vergänglich als auch ewig. Wahrhaftig als auch falsch und unaufrichtig.

Strebe nach der Balance und erkenne, dass sie ein Ideal ist. Real darfst du sein, wie du bist. Grantig. Freudig. Ängstlich. Traurig. Und alles dazwischen. Genieße die Gemeinschaft mit anderen Menschen und Tieren. Sie sind dein Spiegel. Du kannst von und mit ihnen lernen. In jeder Begegnung. In jedem Moment. Gehe hinaus in die Natur. Erfahre dich selbst mit all deinen Sinnen und ordne deine Erfahrungen mit deinem Geist ein. Spüre dein Herz.

Schaffe Raum für dich.

Dann kannst du dich fragen: „Wer bin ich, wenn ich niemand sein muss?“ Diesen Satz habe ich irgendwo gelesen und er ist mir hängen geblieben.

So wichtig die innere Stimme ist, so wichtig finde ich es, sie mit dem Außen zu verbinden.

Wie Selbst- und Fremdbestimmung zusammenhängen

Das Johari-Fenster erklärt, wie Selbst- und Fremdwahrnehmung zusammenhängen und warum wir einander brauchen. Entdecke dich im Alltag. Sowohl in der Begegnung mit anderen als auch in der Stille mit dir. Sei lieb mit dir und anderen.

Dein Herz ist ständig in Verbindung mit deinem Kopf und deinem Bauch. Lerne von ihm. Verbinde dich. Und zum Schluss möchte ich ein Zitat teilen, dass ich beim Wandern gelesen habe: „Gott erschuf die Zeit. Aber von Eile wurde nichts gesagt.“

Johari-Fenster:

Bildquelle: Kathrin-kaschura.de

Quellen:

Carpe Diem: Warum brauchen wir ein Warum? Gisbert Knüphauer im Gespräch mit Julia Schweiger. In: Carpe Diem 04/22.

Dahlke, Rüdiger (2009): Die Schicksalsgesetze. Spielregeln fürs Leben. Resonanz. Polarität. Bewusstsein. Arkana.

Hesse, Hermann (2016): Siddharta. Suhrkamp

Buchempfehlung:

Friedl, Reinhard / Seul, Shirley, Michaela (2019): Der Takt des Lebens. Warum das Herz unser wichtigstes Sinnesorgan ist. Goldmann Verlag

Martina Stubenschrott, Autorin und Familienberaterin

„Vereint begreifen. In jeder Begegnung reifen.“

Autorin Martina Stubenschrott

Über Martina Stubenschrott

Martina Stubenschrott, geboren 1983, ist verheiratet und hat drei Kinder. Nach ihrem Studium der Erziehungs- und Bildungswissenschaften sowie einem psychotherapeutischen Propädeutikum war sie beruflich in der sozialen Arbeit tätig.

Die positiven Erfahrungen und Erlebnisse ihrer drei Schwangerschaften setzte Stubenschrott 2017 in ihrem Buch „Schwangerschaft und Geburt“ um.

Schreibe einen Kommentar