Gastblog von Kirsten Scherbaum – Ganz bewusst habe ich als Erwachsene meine Yoni zum ersten Mal erst Anfang Februar 2020 angesehen. Im Alter von 29 Jahren. Auslöser für die intensive Auseinandersetzung mit meiner Yoni war das Ende einer schwierigen Beziehung im Herbst 2019. Der Liebeskummer und die heftige Sehnsucht nach diesem Mann wollten kein Ende nehmen. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich viele Dinge auf ihn projizierte und von ihm erwartete. Er sollte mir geben, was ich mir selbst nicht geben wollte und konnte. Und irgendwann musste ich schließlich einsehen, dass ich mich endlich mit mir, meinem Körper, meiner Lust, meiner Yoni und Sexualität beschäftigen musste. Ja, anfangs war da sehr viel Widerwille und Widerstand dabei.

Meine Yoni-Rückverbindung war Teil eines tiefen Veränderungsprozesses

Zum damaligen Zeitpunkt, das heißt Ende 2019, befand ich mich in einem einzigen, gewaltigen Veränderungsprozess. Die Entlassung aus der psychiatrischen Klinik lag ein Jahr zurück und ich arbeitete konsequent an der Aufarbeitung der schmerzhaften Depressionsursachen. Neben meiner Therapie suchte und fand ich Hilfe u. a. bei vielen Workshops und Übungsgruppen zur Körperwahrnehmung und zum Grenzensetzen; ein Tantrakurs war für mich so intensiv wie eine zweite Therapie; ich las viel und führte Tagebuch; allmählich lernte ich das Fühlen wieder; ich setzte mich monatelang mit meiner tiefgehenden Selbstabwertung auseinander und der erwähnte Liebeskummer führte mich ständig zu meiner ursprünglichen Papawunde.

Aus dem Schmerz entstand eine Idee: Mein Yoni-Tagebuch

Und in dieser Umbruchzeit und aufgrund des starken Liebeskummers tauchte plötzlich eine Idee auf: Mein Yoni-Tagebuch. Rund zwei Monate lang beschäftigte ich mich dann von Dezember 2019 bis Februar 2020 einmal wöchentlich mit all meinen Ideen rund um die Yoni. Ich setzte mich mit der Frage auseinander, was ich eigentlich über meine Yoni dachte und war überrascht, wie viel Negatives zunächst dabei war. Auch die Ansichten anderer Frauen über ihre Yonis interessierte mich. Dann sah ich mir unaufdringliche Vulva-Bilderreihen an; entdeckte, dass jede Yoni bzw. Vulva einzigartig und wunderschön ist und besuchte ein virtuelles Vaginamuseum. Außerdem entstand ein sensibler und ehrlicher Briefwechsel zwischen meiner Yoni und mir, worin ich ihr erstmals beschrieb, wie groß mein Ekel, meine Scham und Angst ihr gegenüber waren.

Sich für die eigene Yoni bzw. Vulva zu schämen, ist keine Seltenheit

Und mit dieser extremen Scham war ich nicht allein. Denn auch durch meine besuchten Tantrakurse, Frauenkreise und Frauenrituale (real und virtuell), einen Frauenabend, bei dem wir uns 2019 gezielt zum „Yoni-Gucken“ verabredet hatten, Bodypainting, Kakaozeremonien und die vielfältigen Recherchen für mein erwähntes Yoni-Tagebuch weiß ich, dass es auch heute noch immer nicht selbstverständlich ist, dass wir Frauen und Mädels uns unsere Yoni bzw. Vulva ansehen. Und das unabhängig vom Alter.

So fällt mir beispielsweise immer wieder auf, dass auch jüngere Frauen Vagina sagen, obwohl sie eigentlich die Vulva meinen. Viele Frauen bezeichnen auch ausschließlich den Kitzler bzw. die Perle als Klitoris. Doch die Klitoris als Lustorgan reicht bis in das Körperinnere. Aber Hand aufs Herz: Wie soll ich einem Mann sagen, wo und wie ich gern berührt werde oder was er mal probieren könnte, wenn ich selbst falsche Bezeichnungen verwende?

Ich wollte mit dem „da unten“ nichts zu tun haben

Und genau diese Frage stellte ich mir selbst, als der Liebeskummer langsam nachließ. Auch wenn ich 29 war, hatte ich so gut wie keine Ahnung. Ja, das ist mir schon ziemlich peinlich. So hielt ich beispielsweise meine großen Schamlippen für Hautwulste, die einfach „zu groß“ waren. Meine kleinen Schamlippen hielt ich für die großen. Die Klitoris war für mich natürlich nur die Perle. Aber eigentlich wollte ich nie so richtig was mit dem „da unten“ zu tun haben. Ich war vom Aussehen, Geruch, Ausfluss, meiner Periode einfach nur überfordert. Das ganze Thema war für mich extrem unangenehm, ein einziges Tabu.

Erst während meiner Aufarbeitung der Depression, der Konfrontation mit meiner Selbstabwertung und meinem negativen Selbstbild und meiner wöchentlichen Yoni-Stunde 2019/2020 wurde mir unter anderem wieder schmerzlich bewusst, dass mir als kleines Mädchen wiederholt auf die Hände gehauen wurde, wenn ich meine „Mumu“ berührte.

Später sprachen wir (also die Frauen in meiner Familie) nie, und zwar wirklich nie, über Themen wie Menstruation, Sex, weibliche Lust, weibliche Ejakulation usw. Diese Themen gab es bei uns einfach nicht. Der perfekte Nährboden für Tabus, zu starke Scham, Angst, Unsicherheit, leichtsinniges Verhalten und später leider auch Erkrankungen wie beispielsweise Infektionen. Zumindest das Thema Menstruation wurde dann im Schulunterricht mal kurz aufgegriffen. Doch auch hier: Sexualität und Lust? Da sollen sich bitte die Eltern kümmern. Genau die Eltern, die selbst möglicherweise innere Blockaden spüren. Auch hier stellte sich durch Gespräche in den Frauenkreisen etc. heraus, dass ich auch mit diesen Erfahrungen nicht allein war.

Meine Yoni ansehen: Ein emotionaler Moment

Ich stellte mich also schädlichen Denkmustern, schambehafteten Grundüberzeugungen zur Yoni und weiblichen Lust und prägenden, schmerzvollen Kindheits- und Jugenderfahrungen. Die Aufzeichnungen, welche während meiner wöchentlichen Yoni-Stunde entstanden, möchte ich nicht mehr missen. Nach und nach gewann ich durch die offene, ungezwungene und kreative Auseinandersetzung mit meiner Yoni ein neues Selbstverständnis, ein wertschätzendes Körperbild und innere Stabilität.

So bildete dann auch das bewusste Ansehen meiner Yoni im Februar 2020 den Abschluss meines damaligen Yoni-Tagebuchs. Nach zweimonatiger Auseinandersetzung mit dem Thema Yoni bzw. Vulva war ich innerlich bereit. Ich spürte keinen Widerstand mehr. Also machte ich es mir gemütlich, nahm mir einen Spiegel und zog mich aus.  Als ich meine Yoni dann zum ersten Mal so bewusst ansah, kamen mir die Tränen. Ich fand sie einfach wunderschön. Genauso wie sie war und ist. Da ist nichts „zu groß“, „zu klein“, „zu faltig“, „zu haarig“, „zu komisch“. Sie ist einzigartig und perfekt. Es war ein unglaublich schöner und verbindender Moment.

Mittlerweile habe ich bezüglich meiner Yoni keine Selbstzweifel mehr, ich schäme mich nicht mehr wegen ihr oder mir und kann auch meine Sexualität viel freier und entspannter genießen. Ich bin deutlich anspruchsvoller geworden, kann aber gleichzeitig auch mit meinen Grenzen spielen. Eben weil ich auf die Signale meiner Yoni achte und genau spüre, wann und wie ich etwas möchte oder auch nicht (das gilt natürlich auch für meinen ganzen Körper).

Zum Abschluss habe ich noch einen persönlichen Herzenswunsch: Bitte haut kleinen Mädchen nicht mehr auf die Hände, wenn sie ihre Yoni berühren. Es richtet so viel Schaden an. Ich persönlich kann mögliche Überforderung oder ähnliches bei dem Thema zwar gut verstehen. Doch lassen wir die Überforderung bitte nicht an den Kindern aus.

Ganz bewusst habe ich als Erwachsene meine Yoni zum ersten Mal erst Anfang Februar 2020 angesehen. Im Alter von 29 Jahren. Auslöser für die intensive Auseinandersetzung mit meiner Yoni war das Ende einer schwierigen Beziehung im Herbst 2019. Der Liebeskummer und die heftige Sehnsucht nach diesem Mann wollten kein Ende nehmen. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich viele Dinge auf ihn projizierte und von ihm erwartete. Er sollte mir geben, was ich mir selbst nicht geben wollte und konnte. Und irgendwann musste ich schließlich einsehen, dass ich mich endlich mit mir, meinem Körper, meiner Lust, meiner Yoni und Sexualität beschäftigen musste. Ja, anfangs war da sehr viel Widerwille und Widerstand dabei.

Das Tor ins Leben

 

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Über die Autorin

Als studierte Gesundheitsmanagerin arbeitete ich zuletzt als Finanzierungsreferentin zur Vertretung der Krankenhausinteressen auf Landesebene. Doch nach meinem psychiatrischen Klinikaufenthalt im Herbst 2018 nahm mein Leben eine völlig andere Wendung. Ich bin ich einen intensiven Weg gegangen, um nachhaltig meine Depression und weitere Begleiterkrankungen zu überwinden. Dabei stellte ich mich bewusst meiner (frühesten) Kindheit und Jugend, den Prägungen und Verletzungen. Im März 2020 wusste ich: Ich habe es geschafft. Auf meiner Webseite https://www.unverschlossen.de/ gebe ich seit Dezember 2020 meine Erfahrungen weiter. Dabei geht es auch um die Themen Gefühle, Selbstliebe, Körperbild und Weiblichkeit.