Berührung ist ein Grundbedürfnis – von der Geburt bis zum letzten Atemzug. Gerade im Alter, wenn
Worte versiegen, Kräfte schwinden und viele soziale Kontakte verloren gehen, bekommt die
körperliche Nähe eine neue, tiefere Bedeutung. Für Menschen mit Demenz kann sie sogar
lebensverändernd sein.
Ein herausragendes Beispiel für die Kraft heilsamer Berührungen zeigt das Caritas Pflegezentrum St.
Hildegard in Pöttmes, das 2024 mit dem Bayerischen Demenzpreis ausgezeichnet wurde. Mit dem
Projekt „Reduktion von Psychopharmaka durch Alternativen in der Pflege“ verfolgt das Heim einen
ganzheitlichen Weg – jenseits von Tabletten und standardisierter Versorgung.

Heilsame Pflege, die wirklich berührt
Demenz ist mit Unruhe, Ängsten oder Schlafstörungen verbunden. Bundesweit erhalten rund 80 %
der Betroffenen in Pflegeeinrichtungen Psychopharmaka. Im Pflegezentrum St. Hildegard hingegen
nur rund 15 %. Der Grund: Die Pflegekräfte setzen auf Alternativen – Aromatherapie, gezielte
Zuwendung und die Methode „Heilsame Berührung“.
Diese sanfte Behandlung basiert auf achtsamem Handauflegen, das Schmerzen, Stress und Ängste
reduzieren und die Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Entwickelt wurde sie von der Therapeutin
und Autorin Vera Bartholomay auf Grundlage von „Therapeutic Touch“, einer Methode, die weltweit
in der Pflege eingesetzt wird.
Weniger Medikamente, mehr Menschlichkeit
Andrea Neukäufer, die Leiterin des Hauses, hat früh erkannt, dass Heilung und Pflege mehr brauche
als medizinisches Wissen: Menschlichkeit, Aufmerksamkeit – und Berührung. Über Jahrzehnte
hinweg integrierte sie Aromatherapie in die Pflege, suchte nach Wegen, Menschen ganzheitlich zu
begleiten. Die „Heilsame Berührung“ war für sie das fehlende Puzzlestück – eine einfache, natürliche
Methode, die sich nahtlos in den Pflegealltag integrieren lässt.
„Ein alter Mensch, der zu uns kommt, hat oft seinen Partner verloren. Die Kinder wohnen weit weg.
Die Berührung fehlt – und mit ihr ein Stück Lebensqualität“, sagt Neukäufer. Ihre Lösung: Die
heilsame Berührung nicht als gelegentliche Maßnahme, sondern als festen Bestandteil in die tägliche
Pflege einzubauen – bei der morgendlichen Waschung, bei Einreibungen, bei der Beschäftigung. Und
sie geht noch weiter: Auch Verwaltung, Hauswirtschaft und Betreuung sind Teil dieser Kultur. Rund
70–80 % der Mitarbeitenden wurden bereits geschult.

Berührung ist Begegnung
Für Andrea Neukäufer ist Berührung mehr als Technik – sie ist Beziehung. „Ich bin hier, ich berühre,
ich streichle – und es braucht oft gar kein Wort. Gerade ein schwer kranker Mensch kann oft nicht
mehr sprechen. Aber er merkt, dass man da ist.“ Sie erzählt von einer neuen Bewohnerin mit
Demenz, die anfangs weglaufen wollte. Regelmäßige Berührungen und Umarmungen beruhigten sie
– nicht, weil es eine „Technik“ war, sondern weil sie sich dadurch gehalten fühlte.
In der „Heilsamen Berührung“ geht es nicht um Esoterik, sondern um ein „Hausmittel“, wie
Neukäufer es nennt – um das Wiederentdecken einer ganz menschlichen Fähigkeit, die in unserer
Kultur oft verloren gegangen ist. Selbst aus der christlichen Tradition kennen wir das Handauflegen –
als stille Geste der Nähe und Hoffnung.
Auch Pflegekräfte profitieren
Die Vorteile spüren nicht nur die Pflegebedürftigen. Die Mitarbeitenden berichten von einem spürbar
besseren Miteinander. Unruhe oder nächtliche Schlafprobleme lassen sich oft ohne Medikamente
lindern. Kolleginnen und Kollegen nutzen die Methode auch gegenseitig – um sich zu stärken, zu
entlasten, durchzuatmen.
Trotz des überall diskutierten Pflegenotstands hat das Heim keine Personalprobleme. „Ich glaube,
das liegt auch an der Art der Arbeit. Viele, die in der Pflege arbeiten, möchten so arbeiten.“
Sinnhaftigkeit, Begegnung, Menschlichkeit – das motiviert. Und es schafft ein Arbeitsumfeld, in dem
sich Menschen gesehen und wertgeschätzt fühlen.
Eine Kultur der Berührung
Dass Berührung in der Pflege eine zentrale Rolle spielt, ist wissenschaftlich längst belegt. Studien
zeigen, dass „Therapeutic Touch“ bei Menschen mit Demenz Verhaltenssymptome deutlich lindern
kann. Doch in vielen Einrichtungen fehlt es an Wissen, Mut – und einem durchdachten Konzept.
Andrea Neukäufer ist überzeugt: „Wenn wir Berührung als etwas Natürliches in der Pflege leben
wollen, muss sie Teil der Ausbildung sein. Nur so können Vorurteile und Ängste abgebaut werden.“ In
ihrem Haus gibt es einen „roten Faden“ – ein ganzheitliches Konzept, das von der Leitung getragen
und von allen mit Leben gefüllt wird. Auch Fortbildungen werden regelmäßig angeboten, finanziert
über hauseigene Mittel, Spenden und einen engagierten Förderkreis.
Sie weiß auch: „Es geht nicht um mehr Zeit. Es geht um eine Haltung.“ Eine kurze Berührung bei der
Körperpflege braucht keine Extraminuten – im Gegenteil: Wenn dadurch Unruhe oder
Weglauftendenzen reduziert werden, wird sogar Zeit gespart. Und was dabei entsteht, ist
unbezahlbar: echte Verbindung.

Menschlichkeit als Medizin gegen Demenz
In einer Welt, in der Effizienz oft über Empathie gestellt wird, zeigt das Pflegezentrum St. Hildegard,
dass es auch anders geht. Dass Pflege tief berühren kann – im besten Sinne. Und dass Berührung
nicht das Letzte ist, was bleibt, wenn nichts mehr geht – sondern oft das Erste, was wirkt, wenn
Worte fehlen.
Denn: Jede Berührung ist eine Zuwendung. Und jede Zuwendung ein Stück Heilung.
Über Vera Bartholomay
Vera Bartholomay ist Autorin, Seminarleiterin und Therapeutin. In ihrer Arbeit und Büchern geht es um die energetische Körpertherapie „Heilsame Berührung“, um persönliche und berufliche Herzensthemen.
Ihre Seminare finden in Deutschland und in der Schweiz statt. Die gebürtige Norwegerin lebt heute in Norwegen und Deutschland.

Sie bildet Pflegekräfte, Lehrer und Therapeuten im deutschsprachigen Raum aus.
Im LebensGut Verlag sind erschienen:
„Heilsame Berührung von Körper, Herz und Seele“
und
„Herzen berühren – Sehnsucht nach tiefen Begegnungen“
Weitere Informationen unter: www.vera-bartholomay.com
Literatur und Quellen:
Vera Bartholomay: Heilsame Berührung von Körper, Herz und Seele, LebensGut Verlag (2023)
Luke J. Tanner: Berührungen und Beziehungen bei Menschen mit Demenz, Hogrefe Verlag (2018)
Studie: The effect of therapeutic touch on behavioral symptoms of persons with dementia, Woods DL
et al., University of Arkansas, 2005
Pflegezentrum St. Hildegard
Fotos: Unsplash: Ravi Patel, Gert Stockmans, Rod Long, Roger Vaughan
Ein großes Dankeschön an die „Heilsame Berührung“-Lehrerin Christine Pehl, die die hausinternen Fortbildungen durchgeführt hat!
https://www.pehl-beratung.de/
Liebe Vera, das ist ein wundervoller Beitrag über das Leuchtturm-Pflegeheim St. Hildegard. Danke, dass du darüber berichtest. Die Geschichte macht Mut, alternativmedizinische Zugänge zu wagen. Ich durfte die Mitarbeiter in St. Hildegard in heilsamer Berührung ausbilden. Wer mehr dazu erfahren möchte, kann sich gerne bei mir melden unter c.pehl@pehl-beratung.de. Weitere Informationen gibt es auch auf http://www.pehl-beratung.de.
Das hört sich nach einer spannenden Aufgabe an! Ich habe eine FRage: Spielt die Verpflegung auch eine Rolle in dem Konzept oder gibt es hier schnittstellen zur heilsamen Berührung? viele Grüße Verena