Zum zweiten Mal schwanger – was ist anders als bei der ersten Schwangerschaft?

In diesem Gastbeitrag geht es um körperliche und seelische Veränderungsprozesse in der zweiten Schwangerschaft. Wie es ist, zum zweiten Mal schwanger zu sein und was ganz konkret anders ist als bei der ersten Schwangerschaft, bringt Autorin Hiltrud Meyer-Fritsch auf dem Punkt. In ihrer Praxis für Bindungsförderung und Bindungsanalyse begleitet sie viele junge Familien durch ihre Schwangerschaften. Bindungsförderung ist ein Angebot zur Stärkung der Eltern-Kind-Bindung und zur Förderung des persönlichen Wachstums ab der Schwangerschaft sowie auch zur Bewältigung von Krisen rund um Schwangerschaft und Geburt.

Körperliche und seelische Veränderungsprozesse in der zweiten Schwangerschaft

Wie ist es, wenn man bereits ein kleines Kind hat und zum zweiten Mal schwanger wird? Erleben Mütter beide Schwangerschaften ähnlich? Erleben Frauen die zweite Schwangerschaft entspannter und gelassener oder ist eine zweite Schwangerschaft sogar herausfordernder? Beides zugleich trifft zu, sagt Celina*. Die Namen wurden für den Beitrag verändert und die Fotos sind Symbolbilder.

Ein Wunsch wird wahr: Wünscht du dir auch ein zweites Kind?

Celina lebt mit ihrem Partner Jan und ihrem zweijährigen Sohn Mio einer Stadtwohnung im Ruhrgebiet. Vor knapp einem Jahr wünschten sie sich ein zweites Kind und wenig später spürte Celina, dass sie schwanger ist. Sie vertraut ihrer Intuition und ist sich der Schwangerschaft vollkommen sicher, trotzdem wartet sie noch vier Tage und besorgt dann einen Schwangerschaftstest, damit sie ihrem Partner etwas „greifbares“ vorlegen kann. Beide sind glücklich. Die Erfahrung, schwanger zu sein, ist Celina vertraut. Sie freut sich auf die kommenden neun Monate und sieht der Zeit gelassen entgegen. Diese entspannte Haltung ist ein wesentlicher Unterschied zur ersten Schwangerschaft.

Die körperliche Umstellung während der zweiten Schwangerschaft kostet Kraft. Sich zusätzlich um das kleine Kind zu kümmern, fordert Mütter bis an ihre Grenzen und oft noch darüber hinaus.


Celina berichtet über körperliche Veränderungen während ihrer beiden Schwangerschaften


Ich habe die körperlichen Veränderungen in den beiden Schwangerschaften sehr unterschiedlich wahrgenommen.
Im Vergleich zur ersten Schwangerschaft war die zweite Schwangerschaft magischer. Trotz der körperlichen Schmerzen hat mein Körper mir so tolle, schöne Kinder geschenkt.
Bei der ersten Schwangerschaft mit Mio hatte ich große Angst, zu reißen. Ich hatte Angst vor Schwangerschaftsstreifen. Das hing auch damit zusammen, dass ich in der Kindheit und Jugend Schwierigkeiten mit meinem Körper hatte. Ich habe gesagt bekommen: „Du bist zu schwer für dein Alter“. Vor der ersten Schwangerschaft habe ich Frieden mit meinem Körper geschlossen. Daher kam wohl die Angst, dass ich durch die Schwangerschaft wieder schlechte Gefühle zu meinem Körper haben könnte.
Nach der ersten Geburt bildete sich eine dunkle Linie auf meinem Bauch. Ich habe sie geliebt. Sie war nicht perfekt und das fand ich toll. Mein Körper hat mir diese Linie geschenkt. Sie war so schön, dass ich unter der Dusche gebettelt habe, dass sie bleibt. Die Linie blieb dann auch lange und ging erst mit der zweiten Schwangerschaft weg.
In der zweiten Schwangerschaft habe ich zwei Schwangerschafts-Streifen bekommen. Ich liebe sie. Sie sind gleich lang und verlaufen parallel zueinander. Ich habe sie nach der Geburt entdeckt. Nach zwei Geburten habe ich zwei gleich lange Streifen. Das finde ich sehr schön. Ich kann gut damit umgehen, dass der Körper sich verändert und zum Beispiel verbreitert hat. Ich mag das alles sehr. Ich liebe meinen Körper dafür, dass er mir meine Kinder geschenkt hat. Ich stand während der zweiten Schwangerschaft öfter vor dem Spiegel. Ich sah meinen Körper an und spürte Dank, dass mein Körper das aushält.

Körperliche Belastungen und Herausforderungen in der zweiten Schwangerschaf

Doch wie ist es, schwanger zu sein, wenn ein „kleiner Racker“ viel Zeit und Aufmerksamkeit braucht und die Wohnung sein „Spielplatz“ ist?

Trotzdem waren die Rückenschmerzen während der zweiten Schwangerschaft auch oft zermürbend. Ich bin häufig im Zusammensein mit Mio an meine Grenzen gekommen. Ich konnte ihm ja nicht sagen: „Mach mal langsam!“. Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mehr so mit ihm rennen und spielen konnte.

Vielen Müttern geht es in der zweiten Schwangerschaft ähnlich wie Celina. Die körperliche Umstellung während der Schwangerschaft kostet Kraft. Sich zusätzlich um das kleine Kind zu kümmern, fordert Mütter bis an ihre Grenzen und oft noch darüber hinaus.

Stärkere Belastung für Körper und Seele in der zweiten Schwangerschaft

Führen wir uns einen gewöhnlichen Vormittag am Anfang von Celinas zweiter Schwangerschaft vor Augen: Während Mio seine Mutter morgens zu Hüpf- und Fangspielen auffordert, würde Celina sich vor Müdigkeit am liebsten direkt nach dem Frühstück wieder ins Bett legen. Hat sie den Vormittag mit Mio dann trotz ihrer Erschöpfung einigermaßen bewältigt, stellt das Mittagessen bereits eine neue Hürde dar: Schon ein „falscher Geruch“ kann Übelkeit auslösen, einen Strich durch das gemeinsame Essen machen und den gewohnten Tagesablauf der Familie komplett über den Haufen werfen. In der fortgeschrittenen Schwangerschaft plagen Celina über viele Wochen starke Rückenschmerzen, die nach der Geburt direkt wieder verschwinden.
Doch die körperlichen Veränderungen sind nur eine Seite der Medaille. Ebenso spielt die emotionale Seite eine große Rolle.

Wie verändert die erneute Schwangerschaft die Beziehung zum ersten Kind?

Doch die körperlichen Veränderungen sind nur eine Seite der Medaille. Ebenso spielt die emotionale Seite eine große Rolle. Was bedeutet es für die Mutter und ihre Beziehung zum Kind, dass sie nicht mehr so wie bislang für ihr Kind da sein kann? Wie kommt die Mutter damit klar, dass sie die Wünsche des Kindes nun nicht mehr erfüllen kann? (In diesem Beitrag fragen wir hauptsächlich nach der mütterlichen Perspektive.)

Celina erlebt ihre eigenen Emotionen in der zweiten Schwangerschaft sehr bewusst.

Ihr tut es sehr leid, Mios Wünsche häufig ablehnen zu müssen und sie hat das Gefühl, ihn zu enttäuschen. Mehr noch: sie ist von sich selbst in ihrer Mutterrolle enttäuscht. Sie hatte ein anderes Bild von sich selbst, das sie nun nicht mehr erfüllen kann. In dieser Zeit findet ein Wandlungsprozess statt: ein neues Selbstbild und Mutterbild reift heran. Celina erlebt das als einen schmerzhaften und zugleich wichtigen Prozess.
Sie begleitet Mio mit großer Feinfühligkeit ins Leben und das ist für Mio – wie für alle Kinder, die feinfühlige Eltern haben – ein Glück. Celina erspürt seine Bedürfnisse sehr genau. Manchmal fällt es Müttern, die ein so gutes Gespür für ihre Kinder haben und ihnen „alles“ geben wollen, nicht leicht, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und sie sich einzugestehen. Doch Lebensphasen, in denen Eltern ihren Kindern Veränderungen und neue Grenzen zumuten (müssen), bergen oft gleichzeitig eine Chance. Gerade in diesen Phasen staunen Eltern über die großen Entwicklungsschritte ihrer Kinder.

Wenn Frauen zum zweiten Mal schwanger sind, machen sie selbst als Mutter, aber auch ihre Kinder und Partner*innen oft schier unglaubliche Entwicklungsschritte.

Entwicklungsschritte für Mutter und Kind

Davon berichtet auch Celina im Laufe des Gesprächs: Es ist für sie fast unglaublich, wie selbständig ihr erstes Kind Mio in der Zeit rund um Schwangerschaft und Geburt seiner Schwester geworden ist. Mio unternimmt jetzt gerne etwas mit seinem Papa, schläft erstmals ohne seine Mama an der Seite ein und noch besser: er schläft seit wenigen Nächten durch! Celina ist sehr beeindruckt von dieser Entwicklung.
Aber auch Celina geht zeitgleich mutige Schritte. Sie hat sich beruflich für eine Umorientierung entschieden und nimmt zwei Monate nach der Geburt von Maya (die bis auf die Stillphasen von ihrer Oma betreut wird) an einem Weiterbildungswochenende teil. Es kostet Celina große Überwindung, abends erstmals nicht zuhause zu übernachten und wie gewohnt an der Seite von Mio zu sein. Nach dem Wochenende ist Celina jedoch sichtlich erleichtert: Alles ist bestens gelaufen. Jetzt ist sie nicht nur stolz auf ihre Familie, sondern auch auf sich selbst!

Dein Kind mit viel Liebe bedürfnisorientiert zu begleiten ist besonders wichtig, wenn du zum zweiten Mal schwanger bist.

Kinder bedürfnisorientiert begleiten – aber wie?

Eine bedürfnisorientierte Haltung von Eltern gegenüber ihren Kindern ist hoch im Kurs. Doch auch Eltern haben eigene (berechtigte!) Bedürfnisse. Vielfach sind es die jungen Mütter, die spätestens in der zweiten Schwangerschaft feststellen, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse nahezu vergessen haben. Die körperlichen und emotionalen Herausforderungen in der zweiten Schwangerschaft können daher wie ein „Weckruf“ sein: Spüre deine eigenen Bedürfnisse, erkenne sie an und respektiere sie!Das ist im Alltag mit kleinen Kindern viel leichter gesagt als getan. Selbstverständlich geht es nicht darum, einen „perfekten Zustand“ zu erreichen, in der körperliche und emotionale Bedürfnisse von Eltern und Kindern konstant in guter Balance sind. Das wäre unrealistisch. Hilfreich ist es jedoch, den „Weckruf“ von Körper und Seele nicht zu überhören, ihn ernst zu nehmen und sich die Balance der Bedürfnisse im Familienalltag immer wieder bewusst zu machen. In Gesprächen können Eltern sich über stimmige Schritte austauschen und sich gemeinsam in diese Richtung bewegen. Es geht immer wieder um ein „Einpendeln“ miteinander und das bleibt ein lebendiger Prozess. Celina und ihre Familie zeigen uns, dass dieser Prozess sich lohnt!

Hier gibt es drei Blogbeiträge zum Weiterlesen:

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https://www.urbia.de/magazin/baby/leben-mit-baby/dem-baby-geht-s-prima-und-wo-bleibe-ich
https://busy-mom.de/zweites-kind-so-erleichterst-du-deinen-familienalltag-mit-baby/

(*alle Eigennamen wurden verändert) Fotos: Unsplash Laercio Cavalcanti, Arteida

Über Hiltrud Meyer-Fritsch

Hiltrud Meyer-Fritsch ist Diplom-Theologin und Bindungsanalytikerin nach Hidas und Raffai. In ihrer Praxis für Bindungsförderung und Bindungsanalyse begleitet und berät sie vor allem Menschen, die rund um Schwangerschaft und Geburt Hilfe suchen. Darüber hinaus ist sie als Coach, Referentin und als Dozentin für Hebammen tätig.

Hiltrud Meyer-Fritsch, Autorin im LebensGut Verlag

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